Kinder als Museumsführer

Augsburger Allgemeine

Mit Kinderaugen der Kunst begegnen (von Ulrike Walburg)

 

Wie Kinder sich in einem Kunstwerk nähern: In der Städtischen Galerie und im Schloss Wertingen machten Erwachsene bei der Ausstellung „Wege gehen“ eine besondere Erfahrung. 

 

Kinder nähern sich der Kunst auf besondere und völlig unvoreingenommene Weise. Bei der Ausstellung „Wege gehen“ im Schloss und in der städtischen Galerie Wertingen waren es die Kinder der Grundschule Wertingen, die Erwachsene durch die Kunstschau führten.

„Eine großartige Überraschung“ erlebte am vergangenen Sonntag der Künstler Reiner Schlecker, als er zufällig miterlebte, wie Kinder als Museumsführer sein im Schloss ausgestelltes Kunstwerk – eine Installation aus Bronze und Fundstücken mit dem Titel „Vergesst Itten“ – unvoreingenommen interpretierten.
Die Kinder sind ausgebildete Museumsführer und hatten Erwachsene zu zwei Kunstführungen durch die Ausstellung „Wege gehen“ in das Schloss Wertingen eingeladen. Sie luden die Besucher ein, sich mit ihnen gemeinsam den ausgestellten Kunstwerken anzunähern. Die Besonderheit mit Kinderaugen der Kunst zu begegnen, fand bei den Besuchern großen Anklang.
Beide Kunstführungen durch die Ausstellung „Neue Wege gehen“ waren gut besucht. Barbara Mahler schätzte sehr die „Leichtigkeit“ mit der Kinder Kunst begegnen und sah darin auch eine mögliche Chance für Erwachsene, persönliche Hemmnisse für einen Ausstellungsbesuch zu senken.
„Die Zusammenarbeit der Grundschule Wertingen mit der Kunstschule KUK machte es möglich, den Kindern die Kompetenz zu vermitteln, Kunstwerke zu interpretieren“, hebt Christiane Grandé, Leiterin der Grundschule Wertingen, hervor.
An drei verschiedenen Tagen in jeweils eineinhalb Stunden bereiteten sich die Kinder auf die Führungen vor. Die Kinder lernten in der Vorbereitung genau hinzuschauen, Fragen zu stellen und neugierig zu sein. Barbara Mahler vom KUK sieht darin nicht nur einen kunstpädagogischen Wert, sondern auch die allgemeine Möglichkeit, Vorurteile abzubauen. „Wenn ich auf den ersten Blick ein Bild komisch finde, verändert sich die Sichtweise damit, in dem ich das Bild kennenlerne und dazu Fragen stelle,“ sagte sie und verwies auf Parallelen außerhalb der Kunst, im zwischenmenschlichen Zusammenleben. Die Kinder stellten zunächst sachliche und wertfreie Fragen zu dem jeweiligen Werk. Sie fragten nach der Größe, danach ob das Werk gezeichnet, gemalt oder dreidimensional sei. Sie hinterfragten, ob das jeweilige Kunstwerk von allen Seiten zu betrachten sei. Mit kindlicher Neugier nahmen sie unvoreingenommen und spontan Perspektivenwechsel vor. So probierten sie aus, ob es möglich ist, um das jeweilige Werk herumzugehen. Sie experimentierten mit Nähe und Distanz. Sie betrachteten Bilder aus unterschiedlichen Abständen, luden die Besucher dazu ein, beim Betrachten eines Bildes die Augen zusammenzukneifen um die Vielfältigkeit von Licht und Schatten zu entdecken. Sie entdeckten Farbenspiele in den Bildern, legten sich zum Perspektivenwechsel auf den Boden und luden die Erwachsenen ein, es ihnen gleich zu tun. Sie luden ein, die Kunstwerke aus verschiedenen Standpunkten wahrzunehmen. Die ansteckende kindliche Neugier war grenzenlos. Immerkehrender Bestandteil des Annäherungsprozesses an die jeweiligen Kunstwerke war die Frage nach dem Material. Ist das Kunstwerk aus Glas, Papier, Ton, Bronze, Gips oder etwa aus einem anderen Material? Die Museumsführer fragten sich und die erwachsenen Besucher: Was ist zu sehen? Bei dem Werk „Werden und Vergehen“ zeigt Jochen Rüth Kugeln aus Ton mit körniger Oberfläche. Jede Kugel hat eine andere Form. Die Kugeln liegen in einer Reihe. Sie werden größer und wieder kleiner. Sie haben Risse, durch die man ins Innere sieht. Was gibt es zu entdecken? „Manchmal sieht es aus, als wäre innen Flüssigkeit, rätselt Jochen. Könnte etwa in der Kugel Glas sein, und wie könnte dies in der Herstellung technisch geschehen sein? Nach der sachlichen Annäherung stellten die kleinen Museumsführer Fragen: Welche Geschichte steckt in dem Kunstwerk, beispielsweise bei dem Kunstwerk von Kwon Oh Seok „7 Kühe: Barbie, Goethe und...“. Die Phantasie kam mit ins Spiel und eigene Geschichten zu den jeweiligen Werken wurden frei erfunden.